Die Geschichte der Insel Zypern
Britische Herrschaft 1878 - 1960
Als 1877 im russisch-türkischen Krieg der Zar kurz vor Konstantinopel stand gab es für Sultan
Abdul Hamid II nur die Möglichkeit eines gemeinsamen Verteidigungspaktes mit Großbritannien.
Die Drohung einer englisch-österreichichen Intervention konnte die Armee des Zaren noch aufhalten.
Als Gegenleistung wollte das Vereinigte Königreich Zypern, um somit den 1869 eröffneten Suezkanal,
an dem es 44 % Aktienanteil seit 1875 besaß, zu sichern. Außerdem war Zypern eine geeignete
Zwischenstation auf dem Seeweg zum britischen Kronjuwel Indien.
Am 4.6.1878 wurde der geheime, gemeinsame Verteidigungspakt zwischen dem Osmanischen Reich und
Großbritannien im Yildiz Palast in Istanbul unterzeichnet. Darin gestand der Sultan den Briten zu,
Zypern in Besitz zu nehmen und wie einen Militärstützpunkt zu verwalten. Die Oberhoheit sollte
jedoch bei der Hohen Pforte bleiben, weshalb Zypern gemäß internationalem Recht türkisch blieb;
in Wirklichkeit bedeutete dieser Pakt jedoch das Ende der osmanischen Herrschaft auf der Insel.
Großbritannien wurde verpflichtet einen jährlichen Zins von 87.799 Pfund Sterling an den Sultan abzutreten.
Am 12.6.1878 landeten die ersten britischen Truppen auf der damals 186.000 Einwohner großen Insel.
Das Vereinigte Königreich begann sofort mit einer Verwaltungsreform, in deren Zuge ein britischer
Hochkommissar mit einem Exekutivrat aus 9 griechischen, 3 türkischen und 6 britischen Vertretern
ernannt wurde. Es wurde auch die englische Gesetzgebung eingeführt.
Anfangs waren die griechischen Zyprioten über die Landung der Briten erfreut, da sie nun verstärkt
Hoffnung auf die Realisierung der Enosis hatten. Allerdings akzeptierte die britische Regierung
keine griechischen Immigranten. Das Interesse Englands an Zypern ließ schon 1882 drastisch nach,
da es nun Schutzmacht Ägyptens war und somit den Suezkanal direkt sichern konnte. Der geplante
Ausbau des Hafens von Famagusta wurde zu Gunsten des Hafens von Alexandria nicht verwirklicht.
Britannien versuchte gezielt Christen auf der Insel anzusiedeln, um einerseits die Überzahl der
Türken auszugleichen und andererseits die Orthodoxen davon abzuhalten, mehr Macht zu erlangen.
Die zuerst angesiedelten Malteser verließen nach Ungerechtigkeiten und Übergriffen von orthodoxen
Griechen die Insel, als 1894 bis 1896 Armenier immigrierten, starteten die griechischen Zyprioten
mit der Unterstützung der Kirche erneut Übergriffe, die auch die Armenier zum Verlassen Zyperns
nötigte. Durch demagogische Kampagnen der Griechen und der orthodoxen Priester Zyperns, blühte
der Enosis Gedanke auf. Zu diesem Zeitpunkt stieg die Zahl der griechisch stämmigen Bevölkerung
auf der Insel stark an. Eine 1898 von Georgios Frangudis in Athen gegründete patriotische
Organisation begann zu agieren. So berichtete z. B. der Hochkommissar Haynes Smith, dass die
griechische Propaganda ins Bildungswesen eingriff. So bereiteten Lehrer ihre Schüler auf den
Kampf für die Enosis vor. Als bekannt wurde, dass 1906 russische Juden auf Zypern angesiedelt
werden sollten, protestierten orthodoxe Zyprioten vor der britischen Botschaft und erreichten,
dass der Hochkommissar die Kolonialverwaltung darum bat, von diesem Ansiedelungsprogramm Abstand
zu nehmen. Die Verwaltung setzte die Ansiedelung jedoch durch, allerdings sahen sich auch die
Juden durch die orthodoxen Übergriffe zum Verlassen der Insel gezwungen.
Die ständigen Aufforderungen Griechenlands, Zypern abzutreten, lehnte Großbritannien immer wieder
mit der Begründung ab, daß es an das Abkommen mit der Türkei gebunden sei. Der Ausbruch des ersten
Weltkriegs änderte allerdings die Meinung der Briten. Im November 1914, als sich die Türkei im Krieg
den Mittelmächten gegen Großbritannien und die Alliierten anschloß, wurde Zypern vom Vereinigten
Königreich annektiert und das Abkommen vom 4. Juni 1878 für ungültig erklärt. 1915 boten die Briten
Griechenland an, Zypern zu übergeben, falls die griechische Regierung sofort auf Seite Großbritanniens
in den Krieg eintrete. König Konstantin lehnte dies aber anfänglich ab, wahrscheinlich auf Grund
seiner pro-deutschen Einstellung. Später unterstütze Griechenland jedoch die Alliierten. 1925 wurde
Zypern offiziell britische Kronkolonie. Als am 3. März 1918 Rußland im Zuge des Friedens von
Brest-Litovsk Kars, Ardahan und Batum an das Osmanische Reich zurückgeben musste, erwartete man
dies auch gemäß Artikel 6 des Abkommens zwischen dem Osmanischen Reich und Großbritannien vom
1. Juli 1918 von Zypern. Allerdings erhielt Großbritannien laut Artikel 20 des Lozan Vertrages
vom 24. Juli 1923 das Recht auf die Insel. Hierbei profitierten die Briten von der Lage, in der
sich das Osmanische Reich befand und gab Zypern nicht zurück. Zwischen den beiden Weltkriegen
herrschte relative Ruhe, abgesehen von 10 Tagen im Oktober 1931, als Enosis Anhänger das
Regierungsgebäude stürmten und in Brand steckten, was Tumulte auf der ganzen Insel mit sich zog.
Großbritannien ließ die Anführer des Aufstandes deportieren, die gesetzgebende Versammlung auflösen,
die Verfassung außer Kraft setzten und die Insel wurde per Dekret regiert.
Im zweiten Weltkrieg meldeten sich 30.000 griechische Zyprioten freiwillig für die britische Armee,
was in der Bevölkerung wieder die Hoffnung aufkommen ließ, dass Großbritannien Zypern endlich an
Griechenland abgeben könnte. In den 40er Jahren bot die Insel ein konfuses Bild verschiedener
Konflikte: die Griechen wollten die Briten loswerden, die Türken waren fest entschlossen, den
Griechen Widerstand zu leisten und die griechische Rechte und Linke gerieten in ideologische
Auseinandersetzungen. In den 50er Jahren kam Bewegung in den Enosis Gedanke, vor allem durch
Michális Christódoulou Moúskos, der 1950 zum Erzbischof Makários III ernannt wurde und den Titel
des Ethnarchen wiedereinführte, womit er seine politische und religiöse Stellung unterstreichen
wollte. Er ließ eine Volksabstimmung über die Enosis Frage abhalten, deren Ergebnis zeigte, dass
96 % der griechischen Zyprioten für die Vereinigung mit dem Mutterland waren.
Georgias Grívas, ein Anhänger der Megali Idea, dem Traum, alle Griechen im östlichen Mittelmeer
mit Griechenland zu vereinigen, wollte die Enosis mit aller Macht realisieren und gründete 1952
in Athen die EOKA-A, die Revolutionäre Organisation für den Kampf auf Zypern. Er selbst nannte
sich Führer Dighenis, nach dem sagenumwobenen byzantinischen Krieger. 1955 begann er den bewaffneten
Befreiungskampf, der mehr als 600 Opfer forderte und fast 4 Jahre dauerte.
Für die Briten personifizierte jedoch ein anderer Mann die EOKA-A, Nikolaos Georgiades, besser
bekannt als Nikos Sampson, der mit seinen brutalen Schlägertruppen für den Tod von mehr als 20
Unschuldigen verantwortlich war. Er wurde gefasst und zum Tode verurteilt, allerdings wurde die
Strafe umgewandelt und er konnte später wieder seinen grausamen Einfluss auf Zypern auswirken
lassen. Im März 1956 verbannten die Briten Makários auf die Seychellen, wo er ein Jahr unter Hausarrest
stand, danach durfte er nach Athen. Der Grund für seine Verbannung war nicht nur die anhaltende
Grausamkeit, mit der gegen die türkischen Zyprioten vorgegangen wurde, sondern auch das Scheitern
der Verhandlungen über eine Übereinkunft Anfang 1956.
Als im Februar 1959 die Führer Griechenlands und der Türkei in Zürich und London nach 5 Tagen zur
Lösung des Zypernproblems übereinstimmten, wurde die Errichtung einer unabhängigen Republik mit
Präsidialsystem beschlossen. Der Präsident sollte ein Grieche sein, es wurde Makários, der
Vizepräsident ein Türke - Fazil Kücük. Der Ministerrat sollte aus 7 griechischen und 3 türkischen
Vertretern bestehen, dieses Verhältnis galt auch für alle öffentlichen Ämter.
Großbritannien, Griechenland und die Türkei garantierten dieses Abkommen in einem separaten Vertrag,
der sowohl Enosis, als auch die Teilung der Insel ächtete. Alle drei Länder sollten kleine Truppen
auf Zypern stationieren, wobei Großbritannien 2 Militärbasen als souveränes britisches Territorium erhielt.
Am 16.8.1960 wurde die britische Fahne über Zypern eingeholt und die Insel trat somit als unabhängiger
Staat nach Jahrhunderten der Fremdherrschaft auf die Bühne der Weltpolitik.